Projekt

Zeit-Rebound, Zeitwohlstand und nachhaltiger Konsum (ReZeitKon)

Obwohl im Privatleben und am Arbeitsplatz zunehmend effiziente, „zeitsparende“ Techniken und Praktiken eingesetzt werden, mehren sich die Diagnosen, dass viele Menschen in modernen Gesellschaften einen Mangel an Zeit empfinden. Dieses Paradoxon wird als Zeit-Reboundeffekt gedeutet. Das Konzept des Zeitwohlstandes geht über verrechenbare Zeitbudgets hinaus und schließt dabei die Dimensionen Lebenstempo, Planbarkeit und Synchronisierung von Aktivitäten, Zeitsouveränität sowie freie, unverplante Zeit mit ein. Da alle Alltagshandlungen mit Umweltwirkungen verbunden sind, stellt sich die Frage nach den Umweltauswirkungen von zeiteffizienten Praktiken, Zeit-Reboundeffekt und Zeitwohlstandsänderungen.

Das Projekt ReZeitKon untersuchte erstmalig die Zusammenhänge zwischen zeitsparenden Praktiken, Umwidmung eingesparter Zeitbudgets, Zeitwohlstand und nachhaltigem Konsum konzeptionell, empirisch und vorausschauend. 

Ziel des Vorhabens war die Ausleuchtung der Frage, ob zeiteffiziente Praktiken und Zeitwohlstandveränderungen als Hebel für die Reduzierung von Umweltbelastungen fungieren können. 

Der Zusammenhang zwischen den zentralen Konstrukten Zeit-Reboundeffekt, objektive Zeitverwendung, subjektive Zeitwahrnehmung und Nachhaltigkeit des Konsums wurde im Projekt mit Hilfe einer ersten umfassenden deutschlandweiten Repräsentativerhebung in drei Erhebungswellen (vor, während und nach dem COVID-19 Lockdown) empirisch überprüft und prospektiv simuliert. Hierzu wurde ein Simulationsmodell entwickelt, mit empirischen Daten kalibriert und die Auswirkungen von drei qualitativen Zukunftsszenarien (A »Zeit ist Geld«, B »Zeit ist Eigenzeit« und C »Zeit ist Fremdzeit«) auf die CO2-Emissionen quantitativ simuliert.

Das Fraunhofer ISI (Leitung Abteilung Foresight) konzipierte, entwickelte und validierte, und betreibt ein Simulationsmodell für die Abschätzung des Zeit-Rebound-Effektes und der damit einhergehenden Umweltwirkungen des Konsums unter den Bedingungen von Zeitnot und Zeitwohlstand:

  • Environmentally Extended Input-Output-Modell für die Volkswirtschaft (EE-IO) mit Hochrechnung der Umweltwirkungen in Deutschland unter Berücksichtigung der Stichprobe aus der Repräsentativbefragung
  • Prospektive Simulation der Umweltwirkungen von zeiteffizienten Praktiken, Zeit-Rebound-Effekten und Zeitwohlstandsänderungen mit Hilfe eines systemdynamischen Modells

Der so konstruierte, antizipierte Zeit-Rebound-Effekt liefert Aufschlüsse für die Ausgestaltung neuer Techniken und Praktiken sowie flankierender zeitpolitischer Maßnahmen zur Reduzierung der CO2-Emissionen im Alltag.

Die Abteilung Foresight des Fraunhofer ISI leitete die Modellierung. Die Abteilung Nachhaltigkeit und Infrastruktursysteme wirkte insbesondere am EE-IO Modell mit.

Das Forschungsprojekt Zeit-Rebound, Zeitwohlstand und Nachhaltiger Konsum (ReZeitKon) lieferte neue empirische Grundlagen zu heutigen und zukünftigen Zusammenhangen von zeitbezogenen und umweltbezogenen Variablen. Drei Kernergebnisse ragen heraus:

  • Die drei Wellen der Repräsentativbefragung vor, während und nach dem COVID-19 Lockdown im Frühjahr 2021 erlaubten einen empirischen Zugang zu den Wirkungen dieser quasi-experimentellen Intervention auf die Alltagszeit. Vor dem Lockdown zeigten sich signifikante Diskrepanzen zwischen erwünschter und talsächlicher Schlafdauer (Schlafmangel) und zwischen vertraglicher und tatsächlicher Arbeitszeit (Entgrenzung der Arbeit). Während des Lockdowns wurde länger geschlafen, Mobilität und soziale Kontakte wurden reduziert und Mahlzeiten vermehrt selbst zubereitet. Nach dem Lockdown stellten sich die Zustände vor dem Lockdown wieder ein, nur der Ersatz unmittelbarer sozialer Kontakte durch digitale Mediennutzung blieb bestehen.
  • Die Verhaltensmuster aus der Repräsentativbefragung führten zur Formulierung von drei zugespitzten qualitativen Zukunftsszenarien für 2040. Sie unterscheiden sich wesentlich im Alltagszeitmodus: Szenario A Zeit ist Geld, Szenario B: Zeit ist Eigenzeit und Szenario C: Zeit ist Fremdzeit, mit denen unterschiedliche Umwelteffekte einhergehen.
  • Die Quantifizierung der Zukunftsszenarien im Simulationsmodell ergab, dass der eigentliche Zeit-Reboundeffekt zwischen „vernachlässigbar“ bis im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegt. Zwischen den Szenarien gibt es jedoch einen CO2- Emissionsunterschied von 11%. Zeitpolitik hat deshalb ein nennenswertes Dekarbonisierungspotenzial, weil die Aktivitätsmuster mit ihrem jeweiligen CO2-Fussabdruck zeitlich miteinander verwoben sind.

Die Abteilung Foresight des Fraunhofer ISI verfügt aus ReZeitKon über ein vielseitig einsetzbares systemdynamisches Simulationsmodell, das Veränderungen von Zeitbudgets im Alltag in CO2-Emissionen übersetzt. Die Modellierung des Alltags in ReZeitKon ist ein zeitbezogener Einstieg in die integrierte sozial-ökologische Alltagsmodellierung.

In Forschungsprojekt gelang es, die Zeitforschungs- und die Nachhaltigkeitsforschungs-Communities auf einer gemeinsamen Abschlusstagungzusammenzubringen. Gleichzeitig wird der Bedarf deutlich die umweltpolitischen Implikationen von Zeitpolitik systematisch und wirkungsvoller in den Blick zu nehmen, da die Alltagszeitmuster der Menschen deren lebensweltliche Realität in höherem Maße widerspiegeln als einzelne Aktivitätsfelder wie Mobilität oder Ernährung.

Zahlreiche Ergebnisse von ReZeitKon sind auf der Projekt-Webseite veröffentlicht.

Empirische Befunde aus der Repräsentativbefragung zu den Zusammenhängen zwischen Online-Zeit, Exposition gegenüber digitaler Werbung und Konsumniveau haben Elemente zu einer Aufmerksamkeitstheorie 2.0 für digitale Plattformen beigesteuert:

Klobasa, M.; Pelka, S.; Martin, N.; Erdmann, L.; Gutknecht, R.; Heimberger, H.; Lerch, C.; Eberling, E.; Brugger, H.; Mandel, T. (2021): Plattformbasierte Datenökonomie: Ein strategisches Eigenforschungsprojekt des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI. Abschlussbericht, Bericht Fraunhofer ISI. https://publica-rest.fraunhofer.de/server/api/core/bitstreams/a641cbd6-2ab7-4d92-bd25-b51f15a90ab6/content

Diese Publikationen stammen von Mitarbeiter:innen des Fraunhofer ISI:

Laufzeit

09/2018 – 08/2021

Auftraggeber

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Sozial-Ökologischen Forschung (SÖF) zum Thema „Rebound-Effekte aus sozial-ökologischer Perspektive“

Partner

  • TU Berlin, Fachgebiet Arbeitslehre/Ökonomie und Nachhaltiger Konsum
  • Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, Karlsruhe
  • Leuphana Universität Lüneburg, Institut für Umweltkommunikation